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Donnerstag, 11. Februar 2021

geistzeit

wie zwillinge -
deren zellen sich
im mutterleib nicht
trennten - so 
verwachsen sind
diese virustage.
aneinander reihen
sie sich endlos
im zurück wie
im vor. der jänner
von vor einem jahr
unwirkliche erinnerung
an was man tat 
und tun durfte
die zukunft, die
sich vor uns ergoß
inzwischen verdunstet
zwischen isolation 
und masken
fragst du dich 
was wird

© beatrix brockman

Headspace


Like twins 

Whose cells never

Separated in the womb

So conjoined are

These virus days

Endlessly strung 

In the back and

The forth. Last January

Unreal memory

Of what we did 

Were allowed to do

The future, then 

Clear before us

Evaporated by now

Between isolation 

And masks

You ask 

What will be.  

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Even if

Even if 
I cut this moment into strips
and braided them into my hair;

even if
I wrapped your kisses into silk
and dried them between Neruda's words;

even if
I framed
the pinned butterflies;

even then 
this moment would only
last its eternity.




© beatrix brockman

 

Donnerstag, 16. April 2020

Schmetterling...

Ein Hund, sagt man, lässt sich leicht ablenken und konzentriert sich nur selten lange auf ein Ding und springt gern einem Schmetterling nach. So ruft man hier in Amerika oft "Butterfly", um anzudeuten, dass eine Person schnell vom hundertsten ins tausendste gerät. So auch ich. Um 6 Uhr sagt meine innere Uhr "Schluss ist" und ich stehe auf. Nach dem Gang ins Bad, erst mal einen Kaffee. Aber wie das so ist. Ich komme in die Küche und will mein BonVivo Espresso-Töpfchen fertig machen. Da sehe ich, dass mein Mann gestern abend sein Frühstück nur halb vorbereitet hat, also schnell Hafergrütze ins nunmehr im Mini-Slowcooker köchelnden Wasser geworfen. Beim Griff in die Gefrierschublade für seine Beeren stiefelt er im Adamskostüm in die Küche und übernimmt. Wo war ich nochmal? Ach ja Kaffee. Schnell die Bohnen in die Mühle geben und das Espressotöpfchen mit Wasser... grad schnell noch ein Glas Wasser trink..., ach nein mit dem Wasser die Schilddrüsentabletten nehmen, Vitamin C nicht vergessen, da war doch noch was? Die Probiotika im Kühlschrank natürlich. Was seh ich da im Kühlschrank? Keine Milch mehr da für den Kaffee - Ach Mensch, ich wollte doch Kaffee aufsetzen im Espressotöpfchen. Schnell noch die Tasse aus der Spülmaschine nehmen, die wird dabei gleich völlig ausgeräumt, und das Töpfchen steht noch immer nicht auf dem Herd. Jetzt aber, Wasser ins Töpfchen, Kaffeepulver, frisch gemahlen ins Kröpfchen, zuschrauben und auf den Herd. Halt, der Herd muss noch abgewischt werden, sonst geht der Frischluftfilter im Haus auf Orkanblasen, weil die Teilchen in der Luft ansteigen. Jetzt aber wirklich. Töpfchen auf den Herd und angeschaltet. Nur 90 Sekunden später duftender Kaffee in der Tasse, den ich draußen auf der Terrasse genießen möchte. Herrlich ists! Hingesetzt, nein, die Bank ist zu kalt. Also im Stehen an den Gartentisch, wo die Aussaaten stehen und da liegt die Gartenschere. Ach ich wollte doch Ästchen schneiden fürs neue Hügelkultur-Hochbeet.

Zwei Stunden später finde ich den kalten Kaffee auf der Terrasse. Das Hügelkulturbeet ist fast fertig.


Butterfly.....



Dienstag, 24. Dezember 2019

24. Dezember

„… denn Weihnachten hat so eine Unaufhaltsamkeit im Näherkommen. Bei diesem Fest merkt man’s besonders, wie das Tempo der Welt nicht mehr auf es Rücksicht nehmen mag, so ein Fest hat langsam zu kommen, wie damals als man Kind war, da zählte man und wartete und es war trotzdem noch weit, das gehört dazu, dieser langsame Advent, nun rast man im Lebens-Schnellzug darauf zu, hält an keiner Station, und es ist nichtmal sicher, daß man in ‘Weihnachten’ halten wird, drei Minuten vielleicht – und weiter auf die große Stadt Neujahr zu, wo’s endlich ein kleines Aussteigen giebt und Händewaschen.“

(geschrieben von Rainer Maria Rilke in einem Brief an Nanny Wunderly-Volkart, am 15. Dezember 1922)

Montag, 23. Dezember 2019

23. Dezember

In der Christnacht

Oh Winterwaldnacht, stumm und hehr
mit deinen eisumglänzten Zweigen,
lautlos und pfadlos, schneelastschwer,
wie ist es groß, dein stolzes Schweigen.

Es blickt der Vollmond klar und kalt,
in tausend funkelharte Ketten
sind festgeschmiedet Berg und Wald,
nichts kann von diesem Bann erretten.

Der Vogel fällt, der Wind bricht ein,
der Quell versiegt, die Fichten beben,
so kämpft den großen Kampf ums Sein
ein tausendfaches, banges Leben.

Nur in den Dörfern traut und sacht
da läuten heut' zur Welt hienieden
die Weihnachtsglocken durch die Nacht
das Wunderlied vom ewigen Frieden.

Karl Stieler

Sonntag, 22. Dezember 2019

22. Dezember


Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin, bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

21. Dezember

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.


Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

Freitag, 20. Dezember 2019

20. Dezember



"gegrüsset seiest du maria"
so sang ich einst als kind
und verkündete als engel
der gottesmutter ihren sohn

im kreise von fünf kindern
musizierten wir durch den advent
und naschten heimlich teig
wenn wir mit mutter buken

adventus domini, ankunft
des herrn — einst fastenzeit,
wunderschöne Kindheit
erinnerungen im herz

und heute, wenn die vierte kerze
brennt, hat uns die werbungs
maschinerie weihnachten
schon längst vergällt und wartet

kaum bis zum hochfest bis sie die
diätmaschine in gang schmeißt.

es liegt an uns, die be(sinn)lichkeit
in uns selbst zu finden

Donnerstag, 19. Dezember 2019

19. Dezember

noel, xmas, navidad

was - fragst du macht es aus
das lied zur weihnacht?
melodie, stimmung,

vokabularium?

lausch dem radio
und sei nicht dumm

es scheint allein
ein wort in vielen sprachen
xmas, christmas,

mal in weiß,  mal als last,
verschenkte herzen
ohrenschmerzen

hinzu dann schütten wir
den weihnachtsmann aus
der tüte namens santa claus
mixen ein-zwei rentiere bei
fast fertig ist der liederbrei

fehlt nur noch
ein lamm mit schäfer
und ein heller stern
das mögen alle "kinder" gern

©beatrix brockman

Mittwoch, 18. Dezember 2019

18. Dezember

Dezember  
Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

(Erich Kästner)

Dienstag, 17. Dezember 2019

17. Dezember





















Heuer fällt es mir besonders schwer
die Weihnachtszeit zu erkennen
Zu viele Herzen sehe ich leer
und Leute, die nur rennen

Die einen hetzen um Überfluss
die anderen hetzen gegen jene
die auf der Flucht vor Elend und Tod
rennen um nacktes Leben

Und es begab sich in jener Zeit
da machte sich die Hoffnung breit
ein Erlöser sollt werden geboren
bevor der Menschheit die Welt verloren
weil Herzenskälte den Bruder erschlägt
der das Zeichen der Not auf der Stirne trägt

Und der Heiland kam. Sein Leuchten drang
aus dem armsel'gen Stall, in den er getrieben
Mensch! So seine Botschaft erklang
Deine Bestimmung heißt lieben!

Erlösung bringt dir nicht Geld und Macht
kein Punschstand kein Glitzergeschrill
Ein warmes Lichtlein in der Nacht
das Suchenden zeigt den Weg zum Ziel
an dem sie willkommen und eine Hand die gibt
bringt Rettung dir!

Weil so derjenige liebt
dessen Geburt wir die Nacht weihen
damit wir auch wirklich Menschen seien

Erhöret das Lied das aus der Krippe erklingt
Weil nur das uns Weihnachten wieder bringt


© Evelyne Weissenbach

Montag, 16. Dezember 2019

16. Dezember


Momente

mit geschlossenen augen
beschwöre ich sie
die kindheitsmomente
höre ich die mutterstimme
lesen aus den weihnacht
geschichten, sehe ich ihre
hände — noch nicht verkrümmt —
beim schälen von mandarinen
herrlich duftend so frisch
und fruchtig und doch so
weihnachtlich. kein kranz
schmückte den tisch, immmer
nur ein gesteck mit schlanken
violetten kerzen. wer fünf
kinder hat leistet sich keinen
wer fünf kinder hat gibt mit
den händen - mit handgemachtem
mit händehalten, manches aus
zweiter hand, mit betenden händen


©beatrix Brockman

Sonntag, 15. Dezember 2019

15. Dezember

für meine enkelkinder
(und alle kinder dieser welt)

ich wünsch dir einen engel
der seine flügel schützend über deine hält
der du das fliegen erst noch lernen musst
ich wünsch dir einen engel
der deine schritte lenkt, wenn deine
füße dich an klippen tragen
ich wünsch dir einen engel 
der dich berät wenn die vernunft
in dir noch wachsen muss 
ich wünsch dir einen engel 
der deren hände leitet, die dich 
lieben, leiten, und auch manchmal strafen
ich wünsch dir einen engel 
der dich kichern oder lachen macht
der dir das kleine und das große staunen 
lang erhält und dir das was wir 
großen leben nennen noch lang 
vom leibe hält.



© beatrix brockman

Samstag, 14. Dezember 2019

14. Dezember

Adventus Domini

jährt sich der sechste tag
im zwölften monat
meines werweißwievielten jahrs

hab ich tags zuvor
die schuhe weder geputzt noch
sie ordentlich gestellt

klar wünschte ich es füllte sie jemand
doch was soll hinein?
einen klafter seelenfrieden hätte ich gern

das sind drei ellen ruhigen herzschlages
und ein lachter strahlen gerade aus
dem solar plexus — eine tüte weltfrieden

hätte ich auch gern dabei, die würde
ich dann raubkopieren und zum runter
laden ins internet stellen

doch weil es beim wünschen bleibt
zünde ich einfach eine kerze an
und ruhe einen kurzen moment in ihrem licht


© beatrix brockman

Donnerstag, 12. Dezember 2019

13. Dezember

wenn einem die lieben besonders fehlen 
sie quillt über vor besteck
die schublade in der küche
nicht mit dem guten, nein dem
all.täglichen. im gewirr von
zinken und klingen gibt
es einzwei messer, gabeln,
 löffel, die über sechzig winter
zunächst in jungen später in
knorrigen händen lagen.
heute suchen meine hände
bei jeder mahlzeit zunächst nach
der einen gabel, streichen
butter nur mit dem einen messer
und neiden sie dem der
vielleicht gerade damit isst

© beatrix brockman 

12. Dezember

Advent

Der Frost haucht zarte Häkelspitzen
Perlmuttergrau ans Scheibenglas.
Da blühn bis an die Fensterritzen
Eisblumen, Sterne, Farn und Gras.

Kristalle schaukeln von den Bäumen,
Die letzen Vögel sind entflohn.
Leis fällt der Schnee ... In unsern Träumen
Weihnachtet es seit gestern schon.

Mascha Kaléko (1907-1975)

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Adventsreminiszenz

Adventsreminiszenz 
und so spinn' ich mir aus kindheitsfaser
violett in den dezember — zwirn hinein

den klang der stimme, die mir lieder sang,
füg hinzu den kammzug mit dem duft
von koriander, kardamom und zimt, von
äpfeln in der röhre, von gebäck auf heißem blech

— und so dreht sich meine spule auf
dem spinnrad und mit ihr ein faden
in dem ein hauch von gestern lebt

© beatrix brockman



Dienstag, 10. Dezember 2019

wintercampus

Frost auf Blätterspitzen
nacktes Geäst, das sich ins Blaue streckt.
Studenten hasten eingemummelt
von Gebäude zu Gebäude
von Klausur zu Klausur.

Auf der Reklametafel
blinken unbeachtet von nervösen
Augen aufmunternde Worte —
Werbung für die Studentenzeitung
die Universität, die Mensa.

Mit der Natur geht auch die Uni
mit großen Schritten auf den
Winterschlaf zu. Nur die grauen
Eichhörnchen sind noch nicht so weit.
Unbeirrt von der Kälte suchen sie

nach weggeworfenen Pommes,
Burger Buns oder Kartoffelchips.
Groß ihr Triumph, wenn sie mit
einer Brotkruste bewaffnet auf
dem Mülltonnenrand sitzen. Gut

dass sie beim Kauen nicht "Stille Nacht,
Heilige Nacht", oder "I'll be home
for Christmas" pfeifen können.


©beatrix brockman

Sonntag, 8. Dezember 2019

9. Dezember

und brennt ein zweites kerzenlicht
im grünen tannenrund, freuen sich
(kinder)herzen an stillen momenten
und kleinen geschichten aus
einem schmalen buch. spielt auch
das radio — ganz klischee —
white christmas 
und versamtet bing uns raue tage,
spielen die wettergötter trotzdem
weder nach den regeln des winters
noch denen des advents. trotzdem
stellt sich eine stimmung ein, die
die innere kälte langsam vertreibt,
und deren glanz so nach und nach
generationen von augen erreicht.



©beatrix Brockman