Mittwoch, 23. Oktober 2019

fahrrad for future

nicht nur freitags
großstadtwandern
und (be)wundern
der fahrradfahrenden
massenbewegung
die so nachhaltig ihre
kleinsten hinter sich
oder vor sich befördern
sehe (nur ich?)
kleine münder,
nasen und lungen
aug in aug mit
auspuffrohren?
fahrrad for future


©beatrix brockman

Dienstag, 22. Oktober 2019

Lost Soul

Du wühlst im Rucksack.
Es ist Zeit das tägliche
Fasten zu brechen. In
einem Garderobenschrank
klingelt aufdringlich
wieder und wieder
ein Telefon und du fragst
dich, während du nach
dem Löffel angelst, welche
Seele es wohl so nach
einer anderen drängt.


©beatrix brockman

Freitag, 18. Oktober 2019

Unser täglich Wort gib uns heute

Bald wird ein Traum sie
Sein die Zeit in den Gedichten
Wo Wortkaleidoskope, die
Zum Lied sich richten,
Täglich mich entführen in
Ein Land und in die Zeit
Als ich kaum etwas gewusst
Von ihr und endlos weit
Entfernt von Lyrik unbewusst
wie Eva Este lebte. Nein,
Ich kannte nicht die Orte,
Die ihr Heimat warn, Refugium.
Nein ich reimte keine Worte,
keine Lieder fürs Elysium.
Täglich tauch ich tief in ihre Welt,
Les‘ Vergilbtes, Blatt für Blatt,
Vergess alles um mich, denn nichts zählt
Als was sie einst geschrieben hat
Mit Hand oder Maschine: Wortgirlanden,
Geschöpft aus Luthers Schatz.
Und Reime? Im Enjambement fanden
Die sich ein, am rechten Platz.

©beatrix brockman

angstkaskade

eigentlich geht es mir
so richtig gut, eigentlich,
bin ich so voller lebensgier.
drum kann und will ich
nicht klagen. will sagen:

ja eigentlich stimmt
alles so lange, bis er
mir die ruhe nimmt,
der wortfunke, der
zu faden angstkaskaden 

führt, bei denen man es
spürt im halse klopfen
und das einzige was
hilft ist hinunterstopfen
der angst mit kauen oder schauen


©beatrix brockman

jetzt ist keine heimat mehr

liegt am grab
der stein
ich sah ihn nie
nur die geflammten
begräbnisrosen

heimat war in ihr
verortet
doch begriffen
hab ich das erst
im leeren haus

vom vater stein
auf stein selbst
gebaut, von der
mutter mit leben
(und einsamkeit)
gefüllt

jetzt ist keine
heimat mehr
für kindersehnsüchte
die mir schon
lange nicht mehr

schmecken

© beatrix brockman

Dienstag, 15. Oktober 2019

unsichtbar

nie hab ich mich geliebt
war dick obwohl dünn
schön war ich schon
gar nicht wie mutter oder
schwestern. suchte
nach dem blick der männer
als läge darin mein wahr:
mich hab ich nie geliebt
und heute: wandre ich
unsichtbar durch meine welt
wie alle alten frauen
die niemand wahr nimmt



©beatrix brockman

ist keine heimat mehr

liegt am grab
der stein
ich sah ihn nie
nur die geflammten
begräbnisrosen

heimat war in ihr
verortet
doch begriffen
hab ich das erst
im leeren haus

vom vater stein
auf stein selbst
gebaut, von der
mutter mit leben
(und einsamkeit)
gefüllt

jetzt ist keine
heimat mehr
für kindersehnsüchte
die mir schon
lange nicht mehr

schmecken


© beatrix brockman

keinen Euro

ich muss es in die himmel schreien
es ist ein wunder geschehn
der lahme von heute morgen
kann ganz ohne krücken gehn

© beatrix brockman

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Aimliú

Aimliú

Betreten vor mir auf dem Grund
des Pfads sind Ahornblätter. 
Stürmisch war das Wetter
das ihre Pracht verdarb. So Bunt

warn ihre Kleider in sattem Rot,
in goldnem Gelb voll Freude auf 
den Lichtertanz im Sonnenlauf
dem stärksten Aufgebot

des Herbsts.  Vorbei der schöne 
Schein. Das Chlorophyll vergeht 
in Sand und Erde auf dem Weg
kein letzter Auftritt auf der Bühne,

eh der Oktober, wo ein Tag dem andern gleicht,
dem tristen Grau des nächstes Monats weicht.
Noch sind die Ahornblätter auf dem Grund
eh sie vergehen, ein paar Stunden bunt.



© beatrix brockman


Aimliú:  irisches Wort für etwas, dass durch das Wetter verdorben wurde. 

Montag, 30. September 2019

letzter september tag

über eichen und buchen
blätter stapfe ich durch
einen bunten regenschirmwald
wind und regen entgegen
staemmend über spree und
geschichtsgrenzen ins sütterlin
einer längst vergangenen lyrik

©beatrix brockman

Mittwoch, 25. September 2019

Blatt für Blatt

Langsam ästet
Sich die Buche
Vorm Archiv
Aus ihrem Sommerkleid

Blatt für Blatt
Auch ich
Hinter dem Fenster

Ihr schüttelt
Der Wind
Die Last von
Der Rinde

Meine Blätterberge
Wachsen von
Links nach rechts

Sie wird sich
Im nächsten Jahr
Neu bekleiden
Vor diesem Fenster hier

Ich werde
Wer-weiß-schon-wo
Sein

© beatrix brockman


lebensraum

ich lebe mein leben
in schwindenden ringen.
bin ich voll da
für die, die ich lehre,
sehnt sich danach
das herz nach der leere,
nach stille, nach raum
für holz, für papier,
für fasern und andre krea.triebe
und vor allem und immer
und immer mehr für den,
den ich so lange liebe

© beatrix brockman

lament

es ist schwer
sich zu orientieren
in einer stadt
die deine nie war

die lebt
die pulsiert
in einen rhythmus
der deiner nie wird

an orten, wo mal streng,
mal animalisch, lieblich
nie - unausweichlich stets -
dich gerüche überfallen

wo menschen um bettelnde
holzkrücken durch straßen
lemmingen und mittendrin
du

dich mühst, das ziel aus den augen nicht zu verlieren

und dich sehnst
nach dem menschenort, der heimat einmal war
und dich überrascht das sehnen nach dem fernen ort,
der heimat nun für deine kindes.kinder ist

es ist schwer sich zu orientieren
in einer stadt, die deine nie war
in einem land, das deines
nicht mehr ist

Dienstag, 24. September 2019

worte

vom wortleer zum wortmeer
losgelöst im strom der silben
stummheit hinter sich gelassen
und ängsten die stirn geboten
den frühlingsatem tief eingesogen
schreiben sich verse wieder
in das pergament der tage

© beatrix brockman

Samstag, 27. April 2019

nur wenn

wer schreibt schon gedichte wenn er glücklich ist?


nur wenn schatten fallen
fließen sie,
die worte, rhythmisch
aufs papier

ist mein gesicht
der sonnenblume gleich
ins licht gerichtet,
verstummen sie

als ließen
die sonnenseiten
sie verdörren, von
tränen ungewässert

raschelt ihr laub
in einer ecke
des herzens, wo sie
das samenkorn

des nächsten
gedichts wahren



©beatrix brockman

Freitag, 19. April 2019

Intermezzi

in den monaten 
dazwischen gelingt
es dir manchmal 
aus fäden der 
verdrängung und 
hoffnung ein neues 
textil in den mustern
der normalität
zu weben 

verkleinert sich der 
stapel aus kalender
blättern immer weiter
beginnen die fäden
immer häufiger zu
reißen, bis angst
die dünne decke
aus zuversicht 
vollständig aufreißt

dann klammerst 
du die rissstelle
zusammen, stopfst
das loch gebetsmühlenartig
mit schlecht haltenden
mantras, bis jener tag 
verstreicht und das 
nächste warten beginnt


©beatrix brockman

Ironie

einsamer wolf
mit schnellfeuergewehren
begeht den nächsten
massenmord

nachrichten am morgen
danach: Smith & Wesson
aktien vor markteröffnung
um vier prozent gestiegen

oh süßes lied

© beatrix brockman

Der Tag nach der Nacht mit der Panikattacke



Am Tag danach reicht
Das Grau, durch das
Du watest, bis an
Den Solarplexus.
Er stemmt sich mit
Aller Macht gegen
Jeden Atemzug. Dein
Kopf verweigert klaren
Gedanken den Einzug
(Und den Auszug auch).
 .         ......                .
Vegetieren ist ja auch
Ein Dasein. Und wer will
Schon ein Philosoph sein

Am Tag nach der Nacht
Mit der Panikattacke.



© beatrix brockman

Montag, 1. April 2019

zuletzt trotzdem

bäume gepflanzt
als ob es ein morgen
gäbe hinter der angst

apfel, pflaume, feige
banane —bald blüht
der blauregen doch

furcht macht feige,
unfähig sich dem rasen
im herzen zu stellen

trotzdem bäume
gepflanzt — zuletzt

eine trauerweide

©beatrix brockman

Donnerstag, 21. März 2019

akut

nun da sein schmerz
vorbei, sich angst und sorge
in trauer wenden
ist ihr als wandele sie
am grunde eines meeres

drin sie ertrinkt in
wellen und strömen
aus schmerz und der verlust
des geliebten menschen
zerreißt ihr das herz

akut weiß sie weder
von der nächsten stunde
noch vom nächsten tag
wenn sie es nur bis zum
nächsten atemzug schafft

©beatrix brockman


acute

now that his pain
is gone, that fear and worry
morph into grief
she feels as if she's
wading on the bottom of a sea

in it, she drowns in
waves and streams
of pain as the loss
of the beloved
ruptures her heart

acutely she neither knows
of the next hour nor
of the next day,
if only she can make it
to the next breath.


©beatrix brockman

roadmovie- oder straßenkopfkinogedicht II

rollen räder täglich
über asphalt. hin, her.
zum job, zurück.
liegt wo vorher
federn nun ein pelz
— seit tagen schon

mal über-, und mal siehst
du ihn. doch fragst du dich,
auf dem heimweg,
jeden tag, wie lang wohl
so ein stinktier versucht
gegen den tod anzustinken

©beatrix brockman

Montag, 4. März 2019

Am Meer

Erfüllt
Am Meer
In Decken gehüllt
Das Salz das Wasser
Ich

© Beatrix Brockman



(ein elfchen)

Sonntag, 3. März 2019

Salzwasser für die Seele

einbrennen
sollen sie sich
die wellen
in die netzhaut
das herz

noch lange
will die seele
davon zehren

©beatrix brockman

Donnerstag, 28. Februar 2019

Beobachtungen am Rande des für sie Unvermeidlichen

grausame hoffnung
im herzen da metastasen
sich durch kopf, durch knochen,
durch die leber fressen
— wollen weder kopf
noch seele sich stellen —
den nahenden nicht sehen
weil so grausam hoffnung
den blick trübt, der eigene
schmerz einen anderen
ausgang erzwingen will

auch wenn die erlösung des
einen die des anderen sein wird

aber die kommt erst lange
nachdem sich die nebel
lichten, wenn kampfansagen
nicht länger den blick auf
einsichten trüben, wenn
das loch, das sie noch nicht
kennt, bestandteil des alltags
wird und sie trotzdem
weiter atmen und einen fuß
vor den anderen setzen wird



©beatrix brockman