Montag, 30. Dezember 2019

Kaya

eng sind wir nicht
oder gar befreundet
du massiertest mir 
ängste aus 
verspannten muskeln
worte flochten 
ein band aus sympathie
nur einmal sah 
ich dich weinen
der angedeutete
pfad hatte dein tal 
erreicht 

mit gewetzten krallen
herausgegraben 
flohst du haus, stadt
und staat.  

fare thee well
the love and light in me
honors the love and light in thee

©beatrix brockman



xxx


close we are not
or even what 
some call friends

you massaged 
fears out of my
tense muscles 
words weaved
the fabric of sympathy 
between us 

only once did 
I see you cry

when the trajectory
of your rocky path 
— only this outsider 
could see —
was about to 
hit the bottom 

sharpened, you 
clawed your way 

out of house, city, and state 

fare thee well
the love and light in me
honors the love and light in thee


©beatrix brockman

Freitag, 27. Dezember 2019

kopfsteinlastig



zaghaft setze ich den fuß
auf diese woche, ungewiss
ob nicht der eine oder
andere kopfstein zu staub
zerfällt. noch scheint sie zu

tragen doch die skepsis streckt
ihr hässliches gesicht immer
wieder ums eck als wäre
sie das salz mit dem man
die hoffnung würzt


©beatrix brockman

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Dienstag, 24. Dezember 2019

24. Dezember

„… denn Weihnachten hat so eine Unaufhaltsamkeit im Näherkommen. Bei diesem Fest merkt man’s besonders, wie das Tempo der Welt nicht mehr auf es Rücksicht nehmen mag, so ein Fest hat langsam zu kommen, wie damals als man Kind war, da zählte man und wartete und es war trotzdem noch weit, das gehört dazu, dieser langsame Advent, nun rast man im Lebens-Schnellzug darauf zu, hält an keiner Station, und es ist nichtmal sicher, daß man in ‘Weihnachten’ halten wird, drei Minuten vielleicht – und weiter auf die große Stadt Neujahr zu, wo’s endlich ein kleines Aussteigen giebt und Händewaschen.“

(geschrieben von Rainer Maria Rilke in einem Brief an Nanny Wunderly-Volkart, am 15. Dezember 1922)

Montag, 23. Dezember 2019

23. Dezember

In der Christnacht

Oh Winterwaldnacht, stumm und hehr
mit deinen eisumglänzten Zweigen,
lautlos und pfadlos, schneelastschwer,
wie ist es groß, dein stolzes Schweigen.

Es blickt der Vollmond klar und kalt,
in tausend funkelharte Ketten
sind festgeschmiedet Berg und Wald,
nichts kann von diesem Bann erretten.

Der Vogel fällt, der Wind bricht ein,
der Quell versiegt, die Fichten beben,
so kämpft den großen Kampf ums Sein
ein tausendfaches, banges Leben.

Nur in den Dörfern traut und sacht
da läuten heut' zur Welt hienieden
die Weihnachtsglocken durch die Nacht
das Wunderlied vom ewigen Frieden.

Karl Stieler

Sonntag, 22. Dezember 2019

22. Dezember


Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin, bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

21. Dezember

Es gibt so wunderweiße Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.


Rainer Maria Rilke
(1875-1926)

Freitag, 20. Dezember 2019

20. Dezember



"gegrüsset seiest du maria"
so sang ich einst als kind
und verkündete als engel
der gottesmutter ihren sohn

im kreise von fünf kindern
musizierten wir durch den advent
und naschten heimlich teig
wenn wir mit mutter buken

adventus domini, ankunft
des herrn — einst fastenzeit,
wunderschöne Kindheit
erinnerungen im herz

und heute, wenn die vierte kerze
brennt, hat uns die werbungs
maschinerie weihnachten
schon längst vergällt und wartet

kaum bis zum hochfest bis sie die
diätmaschine in gang schmeißt.

es liegt an uns, die be(sinn)lichkeit
in uns selbst zu finden

Donnerstag, 19. Dezember 2019

19. Dezember

noel, xmas, navidad

was - fragst du macht es aus
das lied zur weihnacht?
melodie, stimmung,

vokabularium?

lausch dem radio
und sei nicht dumm

es scheint allein
ein wort in vielen sprachen
xmas, christmas,

mal in weiß,  mal als last,
verschenkte herzen
ohrenschmerzen

hinzu dann schütten wir
den weihnachtsmann aus
der tüte namens santa claus
mixen ein-zwei rentiere bei
fast fertig ist der liederbrei

fehlt nur noch
ein lamm mit schäfer
und ein heller stern
das mögen alle "kinder" gern

©beatrix brockman

Mittwoch, 18. Dezember 2019

18. Dezember

Dezember  
Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

(Erich Kästner)

Dienstag, 17. Dezember 2019

17. Dezember





















Heuer fällt es mir besonders schwer
die Weihnachtszeit zu erkennen
Zu viele Herzen sehe ich leer
und Leute, die nur rennen

Die einen hetzen um Überfluss
die anderen hetzen gegen jene
die auf der Flucht vor Elend und Tod
rennen um nacktes Leben

Und es begab sich in jener Zeit
da machte sich die Hoffnung breit
ein Erlöser sollt werden geboren
bevor der Menschheit die Welt verloren
weil Herzenskälte den Bruder erschlägt
der das Zeichen der Not auf der Stirne trägt

Und der Heiland kam. Sein Leuchten drang
aus dem armsel'gen Stall, in den er getrieben
Mensch! So seine Botschaft erklang
Deine Bestimmung heißt lieben!

Erlösung bringt dir nicht Geld und Macht
kein Punschstand kein Glitzergeschrill
Ein warmes Lichtlein in der Nacht
das Suchenden zeigt den Weg zum Ziel
an dem sie willkommen und eine Hand die gibt
bringt Rettung dir!

Weil so derjenige liebt
dessen Geburt wir die Nacht weihen
damit wir auch wirklich Menschen seien

Erhöret das Lied das aus der Krippe erklingt
Weil nur das uns Weihnachten wieder bringt


© Evelyne Weissenbach

Montag, 16. Dezember 2019

16. Dezember


Momente

mit geschlossenen augen
beschwöre ich sie
die kindheitsmomente
höre ich die mutterstimme
lesen aus den weihnacht
geschichten, sehe ich ihre
hände — noch nicht verkrümmt —
beim schälen von mandarinen
herrlich duftend so frisch
und fruchtig und doch so
weihnachtlich. kein kranz
schmückte den tisch, immmer
nur ein gesteck mit schlanken
violetten kerzen. wer fünf
kinder hat leistet sich keinen
wer fünf kinder hat gibt mit
den händen - mit handgemachtem
mit händehalten, manches aus
zweiter hand, mit betenden händen


©beatrix Brockman

Sonntag, 15. Dezember 2019

15. Dezember

für meine enkelkinder
(und alle kinder dieser welt)

ich wünsch dir einen engel
der seine flügel schützend über deine hält
der du das fliegen erst noch lernen musst
ich wünsch dir einen engel
der deine schritte lenkt, wenn deine
füße dich an klippen tragen
ich wünsch dir einen engel 
der dich berät wenn die vernunft
in dir noch wachsen muss 
ich wünsch dir einen engel 
der deren hände leitet, die dich 
lieben, leiten, und auch manchmal strafen
ich wünsch dir einen engel 
der dich kichern oder lachen macht
der dir das kleine und das große staunen 
lang erhält und dir das was wir 
großen leben nennen noch lang 
vom leibe hält.



© beatrix brockman

Samstag, 14. Dezember 2019

14. Dezember

Adventus Domini

jährt sich der sechste tag
im zwölften monat
meines werweißwievielten jahrs

hab ich tags zuvor
die schuhe weder geputzt noch
sie ordentlich gestellt

klar wünschte ich es füllte sie jemand
doch was soll hinein?
einen klafter seelenfrieden hätte ich gern

das sind drei ellen ruhigen herzschlages
und ein lachter strahlen gerade aus
dem solar plexus — eine tüte weltfrieden

hätte ich auch gern dabei, die würde
ich dann raubkopieren und zum runter
laden ins internet stellen

doch weil es beim wünschen bleibt
zünde ich einfach eine kerze an
und ruhe einen kurzen moment in ihrem licht


© beatrix brockman

Donnerstag, 12. Dezember 2019

13. Dezember

wenn einem die lieben besonders fehlen 
sie quillt über vor besteck
die schublade in der küche
nicht mit dem guten, nein dem
all.täglichen. im gewirr von
zinken und klingen gibt
es einzwei messer, gabeln,
 löffel, die über sechzig winter
zunächst in jungen später in
knorrigen händen lagen.
heute suchen meine hände
bei jeder mahlzeit zunächst nach
der einen gabel, streichen
butter nur mit dem einen messer
und neiden sie dem der
vielleicht gerade damit isst

© beatrix brockman 

12. Dezember

Advent

Der Frost haucht zarte Häkelspitzen
Perlmuttergrau ans Scheibenglas.
Da blühn bis an die Fensterritzen
Eisblumen, Sterne, Farn und Gras.

Kristalle schaukeln von den Bäumen,
Die letzen Vögel sind entflohn.
Leis fällt der Schnee ... In unsern Träumen
Weihnachtet es seit gestern schon.

Mascha Kaléko (1907-1975)

Mittwoch, 11. Dezember 2019

11. Dezember

Adventsreminiszenz 
und so spinn' ich mir aus kindheitsfaser
violett in den dezember — zwirn hinein

den klang der stimme, die mir lieder sang,
füg hinzu den kammzug mit dem duft
von koriander, kardamom und zimt, von
äpfeln in der röhre, von gebäck auf heißem blech

— und so dreht sich meine spule auf
dem spinnrad und mit ihr ein faden
in dem ein hauch von gestern lebt

© beatrix brockman



Dienstag, 10. Dezember 2019

10. Dezember

Frost auf Blätterspitzen
nacktes Geäst, das sich ins Blaue streckt.
Studenten hasten eingemummelt
von Gebäude zu Gebäude
von Klausur zu Klausur.

Auf der Reklametafel
blinken unbeachtet von nervösen
Augen aufmunternde Worte —
Werbung für die Studentenzeitung
die Universität, die Mensa.

Mit der Natur geht auch die Uni
mit großen Schritten auf den
Winterschlaf zu. Nur die grauen
Eichhörnchen sind noch nicht so weit.
Unbeirrt von der Kälte suchen sie

nach weggeworfenen Pommes,
Burger Buns oder Kartoffelchips.
Groß ihr Triumph, wenn sie mit
einer Brotkruste bewaffnet auf
dem Mülltonnenrand sitzen. Gut

dass sie beim Kauen nicht "Stille Nacht,
Heilige Nacht", oder "I'll be home
for Christmas" pfeifen können.


©beatrix brockman

Sonntag, 8. Dezember 2019

9. Dezember

und brennt ein zweites kerzenlicht
im grünen tannenrund, freuen sich
(kinder)herzen an stillen momenten
und kleinen geschichten aus
einem schmalen buch. spielt auch
das radio — ganz klischee —
white christmas 
und versamtet bing uns raue tage,
spielen die wettergötter trotzdem
weder nach den regeln des winters
noch denen des advents. trotzdem
stellt sich eine stimmung ein, die
die innere kälte langsam vertreibt,
und deren glanz so nach und nach
generationen von augen erreicht.



©beatrix Brockman

Samstag, 7. Dezember 2019

8 Dezember (2 Gedichte)


Mein Barbaratag 1 

Dies ist der Tag, der dir gehört.
Auch wenn die Saiten deiner
Mandoline schon lange gerissen.
Dies ist der Tag, der dir gehört.
Wenn wir dir heute eine Kerze
anzünden und dir zu Ehren
Zweige in eine Vase holen. Dies
ist der Tag, der dir gehört. Dieser
Tag im Advent, an dem wir dich
feiern, an dem wir dein Gedeck
auf den Gedankentisch stellen,
an dem wir dir eine Gedankentorte backen.
Dies ist ein Tag im Advent, der nicht
vom Kommen kündet, sondern vom
Gegangensein, von schmerzlichen Lücken,
die keine Kindheitsdüfte füllen mögen. Dies
ist mein Barbaratag, der sich immer jähren
wird und der mich manchmal wundern macht,
ob...

Mein Barbaratag 2 
der achte tag
des zwölften monats
das ist mein
barbaratag
der tag an
dem ich kerzen
brenne dir
zu ehren die du
meine schwester
bist und warst
— heute würden
wir dich feiern
wenn ich nicht hier
und du noch dort
dein leben lebtest.
doch kam und wurde
alles anders und
das was blieb das ist
mein barbaratag
am achten tag
des zwölften monats
eines jeden jahrs an
an dem ich eine kerze
brenne nur für dich
© Beatrix Brockman 

Meiner Schwester gewidmet, die am 8.12. geboren ist. 

Freitag, 6. Dezember 2019

7. Dezember

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin - bereit,
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

6. Dezember

engelsflügel, schlittenglöckchen,
kerzenschein bei dunkler nacht,
kardamom und zimtrosine,
gespickte nelken-apfelsine,
nüsse, plätzchen, marzipan
kinderaugen, weihnachtsmann
neuerdings elf-on-the-shelf.
aus hollywood, aus babelsberg
flimmert heile welt ins haus
happy end vor dem kamin,
mama küsst den nikolaus.

©Beatrix Brockman

Mittwoch, 4. Dezember 2019

5. Dezember

Weihnacht

Gebenedeite Dunkelheit
Des Weibnachtsabends. Heilig, heilig!
Engel lobsangen einst. Die Zeit,
Da sie lobsangen, sie ging eilig
Vorbei. Schön war der Farbenschein,
Der aus den Kirchenfenstern schien.
Und Weihnacht hatte Schnee zu sein.
Das bunte Licht ließ ihn erblühn.
Da blühten Rosen überm Schnee
Und trieben hin im Orgelwind.
Und Lilien gelb und blau ein See,
In dem die Fische golden sind.
Und Grün, der Lustlaut neben Rot,
Nach dem die Orgel aufwärts jagt,
Eh sie ihn fängt im Jubeltod
Und eine Stimme Amen sagt...
Alles in eins und unverstanden.
Nur Farben, Töne, Wortgeruch:
Drei Mohren kamen aus drei Landen.
Ein Stern stieg auf aus einem Buch
Und stand sehr sichtbar uns zu Häupten.
wir hielten ihn mit unserm Singen,
Bis daß die Schneerosen zerstäubten
Und wir ins Dunkel heimwärts gingen.


Eva Strittmatter aus: Die eine Rose überwältigt alles

Dienstag, 3. Dezember 2019

4. Dezember

Wie Ahornsirup
an einem kalten Tag
rinnt der Advent
durch meine Tage

Das Wetter
spielt Ostern
Der Job — wie im Kaufhaus
vor den Feiertagen

Die Krippe dümpelt
im Keller
Der Adventskranz
plastikt vor sich hin

Weihnacht will sein?
In der Werbung
vielleicht und auf
dem Schnulzensender

Im Auto auf dem Weg
zur Arbeit dudelt
Last Christmas
Draußen sind 17 Grad

Wie vermiss' ich sie
die stade Zeit
meiner Kindertage
als Mutter bei Kerzen

schein Geschichten
vorlas, Mandarinen
den Raum bedufteten
und Lebkuchengewürz

von der Küche das
ganze Haus durchdrang
— Bilder, die das Herz
noch heute beschwört.

©beatrix brockman


Montag, 2. Dezember 2019

3. Dezember

3. Dezember 

weißt erster frost den boden
sind nächte lang schon kurz
wird warmes licht von kerzen 
das kalt und dunkel merzen aus 
raum und herz und kopf und haus
dann wirst du dich besinnen 
wie mutter klang einst im gesang 
von liedern, die halt ihr gaben 
in karger zeit, als sie dein glück
mit liebe vollen händen 
aus stoff und wolle schuf

©beatrix brockman

2. Dezember

beginnt mit kerzen
licht der tag
und einem stern
im fenster

eh' draußen eine
welt erwacht mit
lärm und grellem
schein ist drinnen

frieden für ein paar
minuten nur und
stille macht sich
breit, rankt am

ruhigen atem
der schlafenden
im haus entlang
mein herz zu nähren


©beatrix brockman

Sonntag, 1. Dezember 2019

1. Dezember 2019 - ein Adventskalender

entschleunigt

einfach suchen nach
dem immer nach dem
grün im herzen nach
dem roten kerzenschein

einfach sie entzünden
diese flamme aus der
kindheit die die seele
herzt und spürt

einfach aus dem selbst den
funken und ein licht
der hoffnung nähren
eine hoffnung auf die zeit

in der wir selbst die
zeiger und die uhren
und die eigne welt ins
langsam dreh'n

©beatrix brockman (2016)

Samstag, 23. November 2019

Elfchen

Denken
Sollst Du
Mit dem Herzen
Im Kopf herrscht zuviel
Kälte

©beatrix brockman

Donnerstag, 14. November 2019

Berlin am Morgen

noch dämmerts kaum
durch den porzellanfilter
läuft kaffee draußen kolkt
schon ein rabe drinnen
knarren dielen unter nackten
füßen & der regelmäßige
atem aus dem nebenzimmer
friedet mein herz

auch der muezzin vom band
in der wohnung unter mir
gehört zum klangbild
dieses morgens
er ist gut

©beatrix brockman

Dienstag, 5. November 2019

Herbstdank

wie schön es altert
das laub an baum
und busch. so voller
licht und farben
seine letzen tage. als
wollte es der sonne
danken für
wurzelwarmen
wintertrotz
unter kahlen ästen


© beatrix brockman

Sonntag, 27. Oktober 2019

sonntagabend

dunkelblau der himmel
über berlin. vereinzelt
lichter in der miet
kaserne gegenüber
ein bücherregal hier
dort näht eine Frau
einsam ein bademantel
an einer zimmertür
am rand der nacht
klagt fahl ein säugling


© beatrix brockman

Donnerstag, 24. Oktober 2019

berlin reality

böden erden: reality 
check nannte ich
früher gedichte
darüber. auch berlin
liefert realität tag um
tag. im archiv tauche
ich ein, in eine andere—
meiner so oft so ähnlich.
vergesse drin die zeit
zerrinnt zwischen
bleistift und fingern;
bald, so bald, wieder
rote erde unter den füßen
reality check andernorts.
dann wird berlin wieder
traum sein so im danach
wie in den monaten davor


© beatrix brockman

Mittwoch, 23. Oktober 2019

fahrrad for future

nicht nur freitags
großstadtwandern
und (be)wundern
der fahrradfahrenden
massenbewegung
die so nachhaltig ihre
kleinsten hinter sich
oder vor sich befördern
sehe (nur ich?)
kleine münder,
nasen und lungen
aug in aug mit
auspuffrohren?
fahrrad for future


©beatrix brockman

Dienstag, 22. Oktober 2019

Lost Soul

Du wühlst im Rucksack.
Es ist Zeit das tägliche
Fasten zu brechen. In
einem Garderobenschrank
klingelt aufdringlich
wieder und wieder
ein Telefon und du fragst
dich, während du nach
dem Löffel angelst, welche
Seele es wohl so nach
einer anderen drängt.


©beatrix brockman

Freitag, 18. Oktober 2019

Unser täglich Wort gib uns heute

Bald wird ein Traum sie
Sein die Zeit in den Gedichten
Wo Wortkaleidoskope, die
Zum Lied sich richten,
Täglich mich entführen in
Ein Land und in die Zeit
Als ich kaum etwas gewusst
Von ihr und endlos weit
Entfernt von Lyrik unbewusst
wie Eva Este lebte. Nein,
Ich kannte nicht die Orte,
Die ihr Heimat warn, Refugium.
Nein ich reimte keine Worte,
keine Lieder fürs Elysium.
Täglich tauch ich tief in ihre Welt,
Les‘ Vergilbtes, Blatt für Blatt,
Vergess alles um mich, denn nichts zählt
Als was sie einst geschrieben hat
Mit Hand oder Maschine: Wortgirlanden,
Geschöpft aus Luthers Schatz.
Und Reime? Im Enjambement fanden
Die sich ein, am rechten Platz.

©beatrix brockman

angstkaskade

eigentlich geht es mir
so richtig gut, eigentlich,
bin ich so voller lebensgier.
drum kann und will ich
nicht klagen. will sagen:

ja eigentlich stimmt
alles so lange, bis er
mir die ruhe nimmt,
der wortfunke, der
zu faden angstkaskaden 

führt, bei denen man es
spürt im halse klopfen
und das einzige was
hilft ist hinunterstopfen
der angst mit kauen oder schauen


©beatrix brockman

Dienstag, 15. Oktober 2019

unsichtbar

nie hab ich mich geliebt
war dick obwohl dünn
schön war ich schon
gar nicht wie mutter oder
schwestern. suchte
nach dem blick der männer
als läge darin mein wahr:
mich hab ich nie geliebt
und heute: wandre ich
unsichtbar durch meine welt
wie alle alten frauen
die niemand wahr nimmt



©beatrix brockman

ist keine heimat mehr

liegt am grab
der stein
ich sah ihn nie
nur die geflammten
begräbnisrosen

heimat war in ihr
verortet
doch begriffen
hab ich das erst
im leeren haus

vom vater stein
auf stein selbst
gebaut, von der
mutter mit leben
(und einsamkeit)
gefüllt

jetzt ist keine
heimat mehr
für kindersehnsüchte
die mir schon
lange nicht mehr

schmecken


© beatrix brockman

keinen Euro

ich muss es in die himmel schreien
es ist ein wunder geschehn
der lahme von heute morgen
kann ganz ohne krücken gehn

© beatrix brockman

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Aimliú

Aimliú

Betreten vor mir auf dem Grund
des Pfads sind Ahornblätter. 
Stürmisch war das Wetter
das ihre Pracht verdarb. So Bunt

warn ihre Kleider in sattem Rot,
in goldnem Gelb voll Freude auf 
den Lichtertanz im Sonnenlauf
dem stärksten Aufgebot

des Herbsts.  Vorbei der schöne 
Schein. Das Chlorophyll vergeht 
in Sand und Erde auf dem Weg
kein letzter Auftritt auf der Bühne,

eh der Oktober, wo ein Tag dem andern gleicht,
dem tristen Grau des nächstes Monats weicht.
Noch sind die Ahornblätter auf dem Grund
eh sie vergehen, ein paar Stunden bunt.



© beatrix brockman


Aimliú:  irisches Wort für etwas, dass durch das Wetter verdorben wurde. 

Montag, 30. September 2019

letzter september tag

über eichen und buchen
blätter stapfe ich durch
einen bunten regenschirmwald
wind und regen entgegen
staemmend über spree und
geschichtsgrenzen ins sütterlin
einer längst vergangenen lyrik

©beatrix brockman

Mittwoch, 25. September 2019

Blatt für Blatt

Langsam ästet
Sich die Buche
Vorm Archiv
Aus ihrem Sommerkleid

Blatt für Blatt
Auch ich
Hinter dem Fenster

Ihr schüttelt
Der Wind
Die Last von
Der Rinde

Meine Blätterberge
Wachsen von
Links nach rechts

Sie wird sich
Im nächsten Jahr
Neu bekleiden
Vor diesem Fenster hier

Ich werde
Wer-weiß-schon-wo
Sein

© beatrix brockman


lebensraum

ich lebe mein leben
in schwindenden ringen.
bin ich voll da
für die, die ich lehre,
sehnt sich danach
das herz nach der leere,
nach stille, nach raum
für holz, für papier,
für fasern und andre krea.triebe
und vor allem und immer
und immer mehr für den,
den ich so lange liebe

© beatrix brockman

lament

es ist schwer
sich zu orientieren
in einer stadt
die deine nie war

die lebt
die pulsiert
in einen rhythmus
der deiner nie wird

an orten, wo mal streng,
mal animalisch, lieblich
nie - unausweichlich stets -
dich gerüche überfallen

wo menschen um bettelnde
holzkrücken durch straßen
lemmingen und mittendrin
du

dich mühst, das ziel aus den augen nicht zu verlieren

und dich sehnst
nach dem menschenort, der heimat einmal war
und dich überrascht das sehnen nach dem fernen ort,
der heimat nun für deine kindes.kinder ist

es ist schwer sich zu orientieren
in einer stadt, die deine nie war
in einem land, das deines
nicht mehr ist

Dienstag, 24. September 2019

worte

vom wortleer zum wortmeer
losgelöst im strom der silben
stummheit hinter sich gelassen
und ängsten die stirn geboten
den frühlingsatem tief eingesogen
schreiben sich verse wieder
in das pergament der tage

© beatrix brockman

Samstag, 27. April 2019

nur wenn

wer schreibt schon gedichte wenn er glücklich ist?


nur wenn schatten fallen
fließen sie,
die worte, rhythmisch
aufs papier

ist mein gesicht
der sonnenblume gleich
ins licht gerichtet,
verstummen sie

als ließen
die sonnenseiten
sie verdörren, von
tränen ungewässert

raschelt ihr laub
in einer ecke
des herzens, wo sie
das samenkorn

des nächsten
gedichts wahren



©beatrix brockman

Freitag, 19. April 2019

Intermezzi

in den monaten 
dazwischen gelingt
es dir manchmal 
aus fäden der 
verdrängung und 
hoffnung ein neues 
textil in den mustern
der normalität
zu weben 

verkleinert sich der 
stapel aus kalender
blättern immer weiter
beginnen die fäden
immer häufiger zu
reißen, bis angst
die dünne decke
aus zuversicht 
vollständig aufreißt

dann klammerst 
du die rissstelle
zusammen, stopfst
das loch gebetsmühlenartig
mit schlecht haltenden
mantras, bis jener tag 
verstreicht und das 
nächste warten beginnt


©beatrix brockman

Ironie

einsamer wolf
mit schnellfeuergewehren
begeht den nächsten
massenmord

nachrichten am morgen
danach: Smith & Wesson
aktien vor markteröffnung
um vier prozent gestiegen

oh süßes lied

© beatrix brockman

Der Tag nach der Nacht mit der Panikattacke



Am Tag danach reicht
Das Grau, durch das
Du watest, bis an
Den Solarplexus.
Er stemmt sich mit
Aller Macht gegen
Jeden Atemzug. Dein
Kopf verweigert klaren
Gedanken den Einzug
(Und den Auszug auch).
 .         ......                .
Vegetieren ist ja auch
Ein Dasein. Und wer will
Schon ein Philosoph sein

Am Tag nach der Nacht
Mit der Panikattacke.



© beatrix brockman

Montag, 1. April 2019

zuletzt trotzdem

bäume gepflanzt
als ob es ein morgen
gäbe hinter der angst

apfel, pflaume, feige
banane —bald blüht
der blauregen doch

furcht macht feige,
unfähig sich dem rasen
im herzen zu stellen

trotzdem bäume
gepflanzt — zuletzt

eine trauerweide

©beatrix brockman

Donnerstag, 21. März 2019

akut

nun da sein schmerz
vorbei, sich angst und sorge
in trauer wenden
ist ihr als wandele sie
am grunde eines meeres

drin sie ertrinkt in
wellen und strömen
aus schmerz und der verlust
des geliebten menschen
zerreißt ihr das herz

akut weiß sie weder
von der nächsten stunde
noch vom nächsten tag
wenn sie es nur bis zum
nächsten atemzug schafft

©beatrix brockman


acute

now that his pain
is gone, that fear and worry
morph into grief
she feels as if she's
wading on the bottom of a sea

in it, she drowns in
waves and streams
of pain as the loss
of the beloved
ruptures her heart

acutely she neither knows
of the next hour nor
of the next day,
if only she can make it
to the next breath.


©beatrix brockman

roadmovie- oder straßenkopfkinogedicht II

rollen räder täglich
über asphalt. hin, her.
zum job, zurück.
liegt wo vorher
federn nun ein pelz
— seit tagen schon

mal über-, und mal siehst
du ihn. doch fragst du dich,
auf dem heimweg,
jeden tag, wie lang wohl
so ein stinktier versucht
gegen den tod anzustinken

©beatrix brockman

Montag, 4. März 2019

Am Meer

Erfüllt
Am Meer
In Decken gehüllt
Das Salz das Wasser
Ich

© Beatrix Brockman



(ein elfchen)

Sonntag, 3. März 2019

Salzwasser für die Seele

einbrennen
sollen sie sich
die wellen
in die netzhaut
das herz

noch lange
will die seele
davon zehren

©beatrix brockman

Donnerstag, 28. Februar 2019

Beobachtungen am Rande des für sie Unvermeidlichen

grausame hoffnung
im herzen da metastasen
sich durch kopf, durch knochen,
durch die leber fressen
— wollen weder kopf
noch seele sich stellen —
den nahenden nicht sehen
weil so grausam hoffnung
den blick trübt, der eigene
schmerz einen anderen
ausgang erzwingen will

auch wenn die erlösung des
einen die des anderen sein wird

aber die kommt erst lange
nachdem sich die nebel
lichten, wenn kampfansagen
nicht länger den blick auf
einsichten trüben, wenn
das loch, das sie noch nicht
kennt, bestandteil des alltags
wird und sie trotzdem
weiter atmen und einen fuß
vor den anderen setzen wird



©beatrix brockman