Sonntag, 21. Mai 2017

Mutter Morgana

wenn nachts mir
träume dich so
lebensecht vor augen

führen, wenn meine
hand, dich zu berühren
ins leere greift, wenn

morgens nur der traum
verflogen und du noch
gegenwärtig bist, dann

ist der verlust, der sonst
so leis im hintergrund
nur schwingt auf einmal

groß und schwarz und schwer

und die lücke klafft
als wär sie gestern
erst gerissen.

©beatrix brockman

Samstag, 13. Mai 2017

Thelma & Louise

müde, wie mein alltags
gemüt, winkt der flügel
des toten raben am
straßenrand jedem
auto zu, das an ihm
vorüberfährt. auf
dem mittelstreifen

— ihm gegenüber —
liegt ein murmeltier
—auch schon seit tagen  —
gestern noch entspannt auf der seite, heute
—dank dreißig grade hitze—

aufgebläht auf dem
rücken, die beinchen
grotesk in die höhe
gestreckt.  morgen
wird es geborsten sein,
verwesend nun ein
feinschmeckermahl
für die geier, die ich
heute schon kreisen sah.


© beatrix brockman

apnoe

maschine, weiß, bläst
das gaumen segel
über das meer
der nacht. solar
plexus hebt und
senkt sich, stockt,
sucht, nach dem
regel maß


©beatrix brockman

Dienstag, 10. Januar 2017

von herzen mutter

Mutter warst du.
Nicht nur die meine,
sondern aller
die am familienschirm
sich unterstellten.
Stets offen waren
deine arme, dein herz
nur gebend, immer nur
bedacht andere zu
freuen, zu tragen, zu
erheben und zu lieben.
Die liebe, sie war dein
schild, dein wesen.
Die liebe, die warst du.


©beatrix brockman

Kein Kaffeeklatsch

Sechsundachtzig wärst du
heute, säßest noch immer
du auf jenem stuhl, den
vater zimmerte.  Sprächen
wir noch immer jeden morgen
miteinander über Gott und
die welt und die neuesten
und uralten schnulzen, die
du zum wer-weiß-wie-vielten
male geschaut.  Plante ich
schon meinen flug zu dir,
die wochen auf deinem sofa,
das der vater gebaut, gefesselt
an einen fernsehapparat, dessen
einzige aufgabe es war, die
kapazität des trommelfells
zu testen. Sechsundachtzig
wärst du heute, hättest du
schon vor tagen buttercreme
torte und frankfurter kranz
sowie eine himbeersahnetorte
gebacken.  Klingelte es immer
an der tür mit gästen, die du
nie erwartetest und für die du doch
doch vorbereitet.  Sechs und
achtzig wärst du heute.


10. Januar 2017

©beatrix brockman

Donnerstag, 5. Januar 2017

nachtfahrt

grau färben sich
die himmel
wenn der tag
zur nacht
sich neigt

auf weiter straße
in den rolling hills
von tennessee
verrichtet ein
schwarzer geier

seinen dienst am aas
des tages, dessen platt
gewalztes, graues fell
die spezies nur noch
ahnen lässt

seltsam streckt sich
allein ein spitzes
öhrchen vom asphalt
das wohl diesem oder
jenem säuger einst gehörte

du fährst gen westen
und leonard cohen dröhnt
aus dem fender system
während du beim mitsingen
den ton  nie triffst

grau färben sich
die himmel wenn
der tag zwischen
den hügeln zur
nacht sich neigt


©beatrix brockman

Dienstag, 20. Dezember 2016

entschleunigt

einfach suchen nach
dem immer nach dem
grün im herzen nach
dem roten kerzenschein

einfach sie entzünden
diese flamme aus der
kindheit die die seele
herzt und spürt

einfach aus dem selbst den
funken und ein licht
der hoffnung nähren
eine hoffnung auf die zeit

in der wir selbst die
zeiger und die uhren
und die eigne welt ins
langsam dreh'n

©beatrix brockman